ie Gespenster teleportierten ihn in die Zitadelle zurück und eskortierten ihn durch eine Reihe von Hallen und Räumen, von denen Kel’Thuzad genau wusste, dass er sie sich nicht einprägen könnte. Dann betraten sie endlich eine riesige Höhle tief unter der Erde, deren feuchte Kälte seine Knochen gefrieren ließ. Im Zentrum der Höhle war eine schwindelerregend hohe Felsnadel, zu der mit Schnee bedeckte Stufen hinaufführten.
Die Gespenster und er begannen den Aufstieg. Sein Herz pochte vor Aufregung und Schrecken. Er bemerkte, dass seine Schritte immer schwerer wurden und versuchte, sich mehr zu beeilen. Seine Entschlossenheit hielt allerdings nicht lange an. Es fühlte sich an, als würde er von einem Gewicht herabgezogen. Seine lange Reise durch Nordend musste ihn mehr erschöpft haben, als er angenommen hatte.
Hoch über ihm, auf der Spitze der Felsnadel, konnte er einen großen Kristallbrocken ausmachen. Kein Schnee haftet auf ihm und er hatte einen leichten blauen Glanz. Der Nekromant war nirgendwo zu entdecken.
Eines der Gespenster trieb ihn mit einem eiskalten Windhauch an, er war wieder langsamer geworden. Gereizt zog er seinen Mantel enger zusammen und zwang sich dazu, die Stufen schneller zu erklimmen, obgleich es ihm immer schwerer fiel zu atmen.
Die Zeit verging und ein plötzlicher Graupelhagel brachte sein Bewusstsein wieder zurück. Er hatte, ohne sich dessen bewusst zu sein, in der Mitte der Stufen angehalten, um sich auf seinen Stab zu lehnen. Die Luft war verdorben und drohte ihn zu ersticken. Er rang nach Luft, alles was er herausbringen konnte war: „Gebt mir einen Moment.“
Eines der Gespenster hinter ihm sagte: „Wir können nicht ruhen. Warum solltest du also?“
Grimmig setze Kel’Thuzad den Aufstieg fort und zog unter der wachsenden Erschöpfung seine Schultern zusammen. Unter großer Mühe hob er seinen Kopf an und sah, dass der schimmernde Kristall näher rückte. Auf diese Entfernung sah er wie ein gezackter Thron aus, auf dem er unscharf glaubte eine Gestalt wahrnehmen zu können. Eine spürbare Aura der Bedrohung ging von dem Thron aus.
Eines der Gespenster streifte ihn und veranlasste ihn zu einem erschreckten Aufschrei. Echos seines Schreis hallten durch die Höhle. Er umklammerte seinen Fellmantel mit klammen, zitternden Händen. Sein Atem stockte in seiner Kehle und er verspürte das plötzliche Bedürfnis, umzukehren und davonzulaufen. „Wo ist der Meister“, fragte er mit einer hohen, zittrigen Stimme.
Keine Antwort, stattdessen peitschte ihm ein weiterer Graupelhagel entgegen. Er stolperte und schaffte es gerade so, nicht völlig den Halt zu verlieren. Die Aura des Thrones schien mit jedem Schritt schwerer auf ihm zu lasten, seinen Kopf zum Boden hin zu drücken, sein Rückgrat zu krümmen. Er konnte nur noch mit Mühe aufrecht gehen und fiel schon bald auf die Knie.
Dann sprach der Nekromant zum ersten Mal direkt zu ihm, allerdings enthielt seine einst so vertraute Stimme nun keine Spur von Güte mehr. Dies soll deine erste Lektion sein. Ich hege keine Sympathie für dein Volk. Ganz im Gegenteil, es ist meine Absicht, diesen Planeten für immer von der menschlichen Rasse zu reinigen. Sei dir dessen gewiss, dass dies in meiner Macht steht.
Die unerbittlichen Gespenster gönnten ihm keine Rast. Bis aufs Äußerste gedemütigt, ließ er seinen Stab zurück und kroch auf Händen und Füßen weiter. Die Bosheit des Nekromanten strahlte auf ihn herab und drückte ihn tiefer in den Schnee. Kel’Thuzad zitterte und wimmerte. Er hatte falsch gelegen, furchtbar falsch. Was er fühlte, war keine Erschöpfung – es war der pure Schrecken.
Die günstige Gelegenheit, auf die du hoffst, wird niemals kommen. Ich schlafe nicht und außerdem kann ich deine Gedanken so mühelos lesen wie ein Buch, wie du mittlerweile sicherlich festgestellt hast. Und du wirst mich niemals übertreffen können. Dein kümmerlicher Verstand wird niemals dazu in der Lage sein, mit den Mächten umzugehen, die mir zur Verfügung stehen.
Kel’Thuzads Roben waren zerrissen und seine Beinkleider boten keinen Schutz gegen die eiskalten, rauen Felsstufen. Seine Hände und Füße hinterließen blutige Spuren im Schnee hinter ihm, als er die letzten Stufen empor kroch. Der Thron strahlte eine eisige Kälte aus und war von Nebel umgeben. Ein Thron, nicht aus Kristall, sondern aus Eis.
Unsterblichkeit kann ein großer Segen sein. Sie kann auch Qualen bedeuten, wie du sie dir in deinen schlimmsten Alpträumen nicht vorstellen könntest. Widersetze dich mir, und ich werde dir zeigen, was ich über Schmerzen gelernt habe. Du wirst um deinen Tod betteln.
Er konnte sich dem Thron nur bis auf ein paar Meter nähern, bis die von ihm ausgehende Aura unmenschlicher Macht und unerbittlichen Hasses ihn niederdrückte. Eine unsichtbare Kraft presste sein Gesicht gegen den unnachgiebigen Fels. „Bitte...“, wimmerte er, „Bitte!“ Mehr brachte er nicht heraus.
Dann gab der Druck endlich nach und die Gespenster huschten hinfort. Aber er wusste, dass es keine gute Idee wäre, aufzustehen. Er bezweifelte ohnehin, dass er es könnte. Er konnte dem Drang nicht widerstehen, seinen Peiniger anzusehen.
Eine Plattenrüstung schien sich eher inmitten des Thrones zu befinden, als auf ihm zu sitzen. Zuerst dachte Kel’Thuzad, die Rüstung wäre einfach nur schwarz, aber bei näherer Betrachtung stellte er fest, dass ihre Oberfläche das Licht überhaupt nicht reflektierte. Je länger er sie anstarrte, umso mehr schien sie alles Licht und alle Hoffnung zu verschlingen und nur Wahnsinn zurückzulassen.
Der kunstvoll gefertigte und mit Stacheln besetzte Helm ähnelte einer Krone. Er war mit einem einzelnen, blauen Edelstein besetzt und strahlte dieselbe Leere aus wie der Rest der Rüstung. Einer der Panzerhandschuhe umschloss ein massives Schwert, in dessen Klinge Runen eingeätzt waren. Hier gab es große Macht - und unendliche Verzweiflung.
Als mein Leutnant werden sich dir Macht und magische Kräfte erschließen, die du dir nicht einmal in deinen kühnsten Träumen ausmalen kannst. Als Gegenleistung wirst du mir auf ewig dienen – lebendig oder tot. Solltest du es wagen, mich zu hintergehen, werde ich dich in einen meiner geistlosen untoten Sklaven verwandeln. Du kannst deinem Schicksal nicht entkommen.
Diesem spektralen Wesen zu dienen, Kel’Thuzad sah es als einen Lich-König an, würde ihm zweifellos große Macht verschaffen... Und ihn bis in alle Ewigkeit verdammen. Aber diese Einsicht kam zu spät, viel zu spät. Er konnte seiner Verdammnis nicht entkommen, denn der Tod würde ihm keine Erlösung bringen.
„Ich bin Euer ergebener Diener, ich schwöre es“, sagte er mit rauer Stimme.
Daraufhin schickte der Lich-König ihm eine Vision von Naxxramas. Er konnte in schwarze Roben gehüllte Figuren sehen, die in einem weiten Kreis draußen auf dem Gletscher standen. Ihre sichtbar von schwarzer Magie umgebenen Arme hoben und senkten sich im Rhythmus eines dröhnenden Gesanges, den Kel’Thuzad nicht zu verstehen fähig war. Die Erde unter ihren Füßen bebte unter heftigen Stößen, doch sie erhielten den Gesang aufrecht.
Du wirst in die Welt hinausziehen und allen von meiner Macht verkünden. Du sollst mein Botschafter unter den Lebenden sein und wirst eine Gruppe von Gleichgesinnten zusammenstellen, die meine Pläne vorantreiben werden. Durch Illusion, Überredungskunst, Seuche und Waffengewalt wirst du dafür sorgen, dass ich Azeroth mit eisernem Griff in meine Gewalt bringe.
Zu Kel’Thuzads großem Erstaunen, fing das Eis auf einmal an sich zu verschieben und zu bersten. Dann brach die Spitze des Pyramidenbaus durch den gefrorenen Boden. Der Pyramidenbau wurde quasi durch den Erdboden hindurch in die Höhe gezogen. Die in Roben gehüllten Figuren verdoppelten ihre Anstrengungen und der Pyramidenbau setzte seinen unmöglich scheinenden Aufstieg fort. Erd- und Eisbrocken wurden mit explosiver Kraft in alle Himmelsrichtungen davon geschleudert. Schon bald hatte sich das gesamte Bauwerk aus der Einbindung in den Erdboden befreit. Langsam aber sicher erhob sich Naxxramas in die Lüfte.
Und dies soll dein Gefährt sein.